Würfel blauQuelle: Tatjana Balzer, fotolia.com

Hintergrund

Eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung unabhängig des eigenen Wohnortes ist eines der wichtigsten Ziele im deutschen Gesundheitswesen – jetzt und insbesondere in Zukunft. Dabei kommt es insbesondere darauf an, dass jede/r Bürger/-in sicher sein kann, auch bei komplexen medizinischen Problemen in der Nähe des eigenen Wohn- bzw. Aufenthaltsortes bestmöglich versorgt zu werden.

 „TELnet@NRW“ möchte an dieser Stelle ansetzen und mittels digitaler bzw. telemedizinischer Anwendungen dafür sorgen, dass die Herausforderungen im Gesundheitswesen gemeistert werden können. Die Intensivmedizin und die Infektiologie stellen hierbei zwei wichtige und interessante Anwendungsfelder dar, da sie sehr spezialisierte und personalintensive Bereich sind und es bei den häufig schwer kranken und geschwächten Patienten/-innen insbesondere auch eine leitliniengerechte Behandlung ankommt. Hier können die Möglichkeiten einer telemedizinischen Behandlung besonders gut wirken. Das Projekt „TELnet@NRW“, welches im Rahmen des Innovationsfonds gefördert wird, soll die Behandlungsqualität bei Patienten/-innen durch telemedizinische Anwendungen sektorenübergreifend verbessern.

Innerhalb von drei Jahren (von Februar 2017 bis Januar 2020) werden über 40.000 Patienten/-innen aus dem ambulanten und stationären Bereich – Einwilligung vorausgesetzt – an dem Projekt teilnehmen. Nachfolgend finden Sie daher weitere Informationen zu Hintergrund und Zielen des Projektes.

Gesellschaftliche und medizinische Entwicklungen

Angesichts gesellschaftlicher und medizinisch-technischer Veränderungen stehen die einzelnen Regionen jedoch zunehmend vor der Herausforderung, die Gesundheitsversorgung vor Ort weiterhin sicher stellen zu können. Denn einerseits steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung an, es gibt also immer mehr ältere und hochbetagte Menschen. Diese an sich erfreuliche Entwicklung bedeutet jedoch gleichzeitig auch, dass zunehmend mehr (ältere) Menschen versorgt werden müssen. Tendenziell leiden ältere Frauen und Männer unter mehr Krankheiten bzw. häufiger unter mehreren Krankheiten gleichzeitig (=“Multimorbidität“). Zudem weisen ältere Patienten/-innen ein höheres Risiko für Komplikationen bzw. schwere Krankheitsverläufe auf, etwa wenn es um Infektionen geht (Lungenentzündungen und Harnwegsinfekte, etc.). Damit einher geht eine höhere Versorgungs- bzw. Betreuungsintensität.

Gleichzeitig stehen den immer mehr älteren Menschen insgesamt weniger jüngere Personen im sog. erwerbsfähigen Alter (etwa 16-65 Jahre) gegenüber, die potenziell für die Versorgung (nicht nur) der älteren Menschen in Frage kommen. Dieser Fachkräftemangel wird insbesondere im Gesundheitswesen deutlich. So werden nach Expertenschätzungen bis zum Jahr 2030 voraussichtlich 100.000 Ärztinnen und Ärzte fehlen (1) auf Seiten der Pflegekräfte und auch anderer Gesundheitsfachberufe sieht es nicht besser auf. Natürlich ist nicht jede Region und jede medizinische Fachdisziplin gleichermaßen betroffen. Ländliche und/oder strukturschwache Regionen haben teils schon heutzutage mit dem Problem zu kämpfen, genügend medizinisches Personal für die Versorgung zu finden, da der ärztliche Nachwuchs es häufig vorzieht, in als attraktiv empfundenen Großstädten bzw. Ballungsgebieten zu arbeiten. Zudem sind einige medizinische Disziplinen stärker betroffen. So gibt es etwa nur eine sehr geringe Anzahl von ausgebildeten Infektiologen/-innen (295 in ganz Deutschland), obwohl schwere Infektionen eine spezialisierte infektiologische Behandlung notwendig machen.

(1) Roland Berger. Untersuchung zum Fachkräftemangel im Gesundheitswesen 2014

 

Das Problem der Antibiotikaresistenzen

Antibiotika sind hochwirksame und essentielle Medikamente, um (schwere) bakterielle Infektionen zu bekämpfen und das Überleben der Erkrankten zu sichern. Im medizinischen Umfeld stellen jedoch zunehmende Resistenzentwicklungen von Bakterien ein ernstzunehmendes Problem dar, insbesondere da Neuentwicklungen und Marktzulassungen von wirksamen Antibiotika in naher Zukunft eher nicht zu erwarten sind. Dieses Problem wurde längere Zeit mitunter unterschätzt, obwohl schon jetzt nach Schätzungen jedes Jahr weltweit 700.000 Menschen an Infektionen sterben, gegen die keine Medikamente mehr helfen (1). So besteht die Gefahr, dass auch leichtere medizinische Eingriffe bzw. Operationen lebensgefährlich werden können, wenn es etwa zu Entzündungen bzw. Infektionen im Anschluss kommt und wirksame Antibiotika nicht zur Verfügung stehen. Dieses stellt ein schwerwiegendes individuelles Problem dar, hinzu kommen noch Kosten durch Infektionen mit resistenten Keimen in Milliardenhöhe.

(1) O’Neill J. (2016): The review on antimicrobial resistance – Tackling Drug-Resistant Infections Globally

 

Das Ziel einer leitliniengerechten Behandlung

Um diese Probleme zu verhindern oder abzumildern, kommt es auf eine optimale und leitliniengerechte Behandlung sowohl im ambulanten als auch im stationären Sektor an – die Antibiotikabehandlung muss optimiert werden. Medizinische Fachgesellschaften, wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI),  haben sich diesem Problem angenommen und entsprechende für einen optimierten Umgang mit Antibiotika im Krankenhaus und in der Arztpraxis veröffentlicht. Hierbei sind insbesondere die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) „Klug entscheiden“ und die Vorgaben der Leitlinie „Strategie zur Sicherung rationaler Antibiotika-Anwendung im Krankenhaus“ zu nennen.

Ein gutes Beispiel für die Wichtigkeit einer leitliniengerechten Behandlung stellt die Sepsis bzw. Blutvergiftung dar, ein eher wenig bekanntes, aber dennoch zentrales Gesundheitsproblem. Ungefähr 11% der jährlich in Deutschland behandelten Intensivpatienten/-innen (=Behandlung auf Intensivstationen) erkranken an einer Sepsis. 40% der Patienten/-innen versterben im Krankenhaus, das sind ca. 75.000 Menschen im Jahr und damit ist die Sepsis die dritthäufigste Todesursache in der Bundesrepublik (1). Eine Sepsis ist ein recht komplexes Krankheitsbild mit verschiedenen Symptomen, die mitunter schwierig zu diagnostizieren ist, da es nicht den einen entscheidenden medizinischen Parameter oder einen allgemeingültigen Test für eine Sepsis gibt. Eine frühzeitige und leitliniengerechte Behandlung innerhalb weniger Stunden ist jedoch zentral, da mit jeder Stunde das Risiko steigt, an der Sepsis zu versterben. Internationale Studien haben gezeigt, dass die Sterblichkeit bei einer frühzeitigen und damit leitliniengerechten Behandlung um rund 25% niedriger ist, was in absoluten Zahlen etliche Überlebende mehr bedeutet (2).

Da es in Deutschland aber eben einen Mangel an ausgebildeten Infektiologen/-innen gibt, besteht aktuell eine sehr ausgeprägte Lücke zwischen den Vorgaben der Leitlinien bzw. Fachgesellschaften und der Umsetzung dieser Leitlinien im medizinischen Alltag.

 

(1) Engel C, Brunkhorst FM, Bone HG et al. Epidemiology of sepsis in Germany: results from a national prospective multicenter study. Intensive Care Med 2007; 33:606-618 sowie Reinhart K, et al. Prevention, diagnosis, therapy and follow-up care of sepsis: 1st revision of S-2k guidelines of the German Sepsis Society. Ger Med Sci, 2010. 8: 14
(2)  Deisz R, et al. and Marx G. Einfluss von Tele-Intensivmedizin auf Diagnostik & Therapie des septischen Schocks. und Marx G et al. Telekooperation für die innovative Versorgung am Beispiel des UKA. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2015; 58:1056-61

 

Eine flexible Gesundheitsversorgung durch digitale Anwendungen

Vor dem Hintergrund dieser medizinischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, muss die Versorgung vor Ort flexibler, leistungsfähiger und bedarfsgerechter werden. Digitale Anwendungen stellen hier ein probates Mittel dar. Digitale Anwendungen, wie etwa die Telemedizin, stellen ein Instrument dar, medizinisches Wissen und spezialisierte Expertise unabhängig von räumlichen Grenzen zur Verfügung zu stellen. Sie ermöglicht es, etwa infektiologisches Wissen 24 Stunden am Tag an theoretisch jeden Ort der Republik zugänglich zu machen und damit eine flächendeckende Umsetzung medizinischer Leitlinien, z. B. in der Infektiologie und Intensivmedizin, zu ermöglichen.

Die Bundesregierung hat mit dem sog. „E-Health-Gesetz“ vorgegeben, dass für Patienten/-innen sinnvolle telemedizinische und telematische Anwendungen gefördert werden sollen und digitale Anwendungen auch und gerade im Gesundheitswesen zu fördern sind. Insbesondere muss es darum gehen, die aktuellen Versorgungsstrukturen, z.B. die sektorale Trennung zwischen ambulanten und stationären Sektor zu überwinden und Gesundheitseinrichtungen besser digital miteinander zu vernetzen. Vor diesem Hintergrund hat die Telemedizin ein besonders großes Potential für eine lebensrettende Sicherstellung und Verbesserung der Qualität im Sinne einer zukunftsorientierten und effizienten Patientenversorgung in Deutschland.

 

Die neue Versorgungsform

Durch das sektorenübergreifende telemedizinische Netzwerk TELnet@NRW werden eine Vernetzung und gemeinsame Strukturen zwischen dem ambulanten und stationären Sektor realisiert. Einzelne Gesundheitseinrichtungen, (Krankenhäuser unterschiedlicher Ver-sorgungsstufen und niedergelassene Arztpraxen) schließen sich zu einem intersektoralen Gesundheitsnetzwerk zusammen und somit wird eine neue digitale Gesundheitsstruktur aufgebaut.

TELnet@NRW stellt durch regelmäßige digitale Anwendungen und Fortbildungen sowie eine 24h/7d Verfügbarkeit den teilnehmenden Krankenhäusern aus den Regionen Aachen und Münster sowie den zwei teilnehmenden Arztnetzwerken aus Köln und Bünde Expertenwissen von den zwei Universitätskliniken Aachen und Münster zur Verfügung. Für die Kommunikation der Ärzte/-innen untereinander steht eine hochgesicherte und datenschutzkonforme Infrastruktur bereit: Ein hochverschlüsselndes Audio-Video-Konferenzsystem und die zertifizierte Datenaustauschplattform „Fallakte+“. Die digitale Verfügbarkeit von Patientendaten und die Videoübertragung durch die mobilen telemedizinischen audiovisuellen Unterstützungssysteme ermöglichen es, an jedem Behandlungsort und an jedem Patientenbett und zu jeder Zeit Zweitmeinungen oder spezialisierte Beratungen einzuholen

 

Die Initiative KLUG ENTSCHEIDEN

Ein sorgsamer Umgang mit Antibiotika wird angesichts der Gefahr von Resistenzentwicklungen bei Bakterien immer wichtiger. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) möchte einen hier einen wichtigen Beitrag leisten und dazu beitragen, die Patientenversorgung mit wirksamen Antibiotika langfristig zu sichern und zu verbessern. Zusammen mit anderen Partnern hat sie daher die Initiative „Klug entscheiden“ gestartet. Die Initiative möchte mit dazu beitragen, dass die Gabe von Antibiotika jeweils sorgsam abgewogen wird und insbesondere nicht bei jedem Infekt, etwa einem grippalen Infekt bzw. einer Erkältung, Antibiotika verschrieben werden. Diese werden meist durch Viren verursacht, gegen die Antibiotika jedoch wirkungslos sind, da sie nur bei bakteriell verursachten Erkrankungen wirkungsvoll sind. Eine zu großzügige Verschreibung dieser Medikamente fördert jedoch die Resistenzentwicklung. Daher sollte jeweils individuell entschieden werden auf Grundlage von medizinischen Indikatoren, Studienergebnissen und individuellen Faktoren, inwiefern die Antibiotikagabe gerechtfertigt ist.

Die Initiative hat hierzu zehn Empfehlungen veröffentlicht. Es handelt sich jeweils um fünf „Positiv-Empfehlungen“, welche besagen, was durchgeführt werden sollte und fünf „Negativ-Empfehlungen“, was eben nicht durchgeführt werden sollte. Grundsätzlich sollen die Empfehlungen auch dazu dienen, Ärzte/-innen und ebenso Patienten/-innen für das Thema zu sensibilisieren und über Antibiotika aufzuklären.

Die Empfehlungen der DGI-Initiative „Klug entscheiden“ im Einzelnen:

Positivempfehlungen

  • Bei Staph.-aureus-Blutstrominfektion soll eine konsequente Therapie sowie Fokussuche und Fokussanierung erfolgen.
  • Bei dem klinischen Bild einer schweren bakteriellen Infektion sollen rasch Antibiotika nach der Probenasservierung verabreicht und das Regime regelmäßig re-evaluiert werden.
  • Bei Erwachsenen über 60 Jahre, bei Personen mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung oder erhöhter Exposition soll eine Influenzaimpfung durchgeführt werden.
  • Bei Kindern soll eine Masernimpfung und bei unvollständig (weniger als zweimal) geimpften Personen oder bei Personen mit unklarem Impfstatus, die nach 1970 geboren wurden, eine Nachimpfung durchgeführt werden.
  • Bei fehlender klinischer Kontraindikation sollen orale statt intravenöse Antibiotika mit guter oraler Bioverfügbarkeit appliziert werden.

Negativempfehlungen

  • Patienten mit unkomplizierten akuten oberen Atemwegsinfektionen inklusive Bronchitis sollen nicht mit Antibiotika behandelt werden.
  • Patienten mit asymptomatischer Bakteriurie sollen nicht mit Antibiotika behandelt werden.
  • Der Nachweis von Candida im Bronchialsekret oder in Stuhlproben stellt keine Indikation zur antimykotischen Therapie dar.
  • Die perioperative Antibiotikaprophylaxe soll nicht verlängert (das heißt: nach der Operation) fortgeführt werden.
  • Der Nachweis erhöhter Entzündungswerte wie C-reaktives Protein (CRP) oder Procalcitonin (PCT) allein soll keine Indikation für eine Antibiotikatherapie darstellen.

Quelle: Dtsch Arztebl 2016; 113(13) 

 

Das Vorgänger-Projekt TIM- Telematik in der Intensivmedizin

 

TIM_LOGOQuelle: UK Aachen

Sowohl internationale Studien als auch Projekte konnten bereits zeigen, dass telemedizinische Anwendungen in der Intensivmedizin einen großen Nutzen für Patienten/-innen und Gesundheitsfachkräfte haben können.

Im Uniklinikum Aachen hat es hierzu bereits ein „Vorgänger-Projekt“ gegeben. Das Projekt TIM – Telematik in der Intensivmedizin“ konnten bereits zeigen, dass eine telemedizinische Mitbehandlung und der Aufbau eines digitalen Netzwerks zwischen dem Uniklinikum und zwei kleineren Krankenhäusern nicht nur organisatorisch und technisch machbar ist, sondern vielmehr auch einen messbaren Nutzen für Patienten/-innen hat und sowohl auf Seite der Erkrankten und ihren Angehörigen als auch von den beteiligten medizinischen Fachkräften gut akzeptiert wird. Beteiligt waren an dem Projekt neben dem Uniklinikum Aachen auch das Franziskus-Hospital in Aachen als auch das St. Elisabeth-Krankenhaus in Jülich sowie weitere technische orientierte Projektpartner.

Im vom Land NRW geförderten Pilotprojekt „TIM“ wurde gezeigt, dass die telemedizinische Verfügbarkeit von Experten/-innen für die Patienten/-innen mitunter lebensentscheidend sein kann. Die telemedizinische interdisziplinäre Intervention hat zu einer deutlichen Reduktion der Sterblichkeit der Sepsis um mehr als 25% geführt.

Das Projekt stieß bei den Patienten/-innen auf eine hohe Akzeptanz. So stimmten fast 100% der Befragten der Aussage zu, dass eine telemedizinische Einbeziehung anderer Intensivmediziner/-innen  Vorteile für die Patienten/-innen hat; knapp 95% waren der Meinung, dass durch die Tele-Intensivmedizin die Sicherheit der Behandlung erhöht wird.

Das Projekt wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem „Karl Storz Telemedizinpreis 2014“ und als „Bestes digitales Projekt in Deutschland im Bereich Gesundheit“ von der Initiative Intelligente Vernetzung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.

Quelle: ra2studio

Ziele des Projektes

Das Ziel des Projektes ist es, sektorenübergreifendes telemedizinischen Netzwerk aufzubauen. Konkret bedeutet dies, dass die teilnehmenden Krankenhäuser und niedergelassen Ärzte jederzeit die Möglichkeit haben, über digitale Anwendungen (wie etwa Videokonferenzen oder Expertenchats) infektiologische oder intensivmedizinsiche Experten/-innen zu kontaktieren bzw. sich mit diesen auszutauschen. Der gemeinsame Austausch ermöglicht es gemäß dem Prinzip „Vier Augen sehen mehr als zwei“, dass etwa Sepsis-Fälle gemeinsam schneller erkannt werden und gemeinsam besprochen werden kann, wie eine optimale (Antibiotika-)Behandlung in dem konkreten Fall aussehen kann. Sowohl die kleineren Krankenhäuser und niedergelassenen Arztpraxen, (die im Regelfall im Berufsalltag weniger häufig mit komplexen infektiologischen Krankheitsfällen zu tun haben), aber auch natürlich die beiden Universitätskliniken, bauen durch die gemeinsamen virtuellen Besprechungen ihr spezialisiertes Wissen weiter aus.

Analoges und isoliertes Arbeiten in den jeweiligen Einrichtungen und Sektoren verschwendet gewissermaßen Ressourcen und kann die täglichen Versorgungsprozesse und die Qualität der Behandlung beeinträchtigen. Das Projekt möchte die Qualität der Versorgung in der Intensivmedizin und Infektiologie messbar verbessern.

Grundsätzlich wird angestrebt, dass bei erfolgreichem Projektverlauf entsprechende digital bzw. telemedizinisch gestützte Netzwerke auch in weiteren Regionen und in weiteren medizinischen Fachdisziplinen aufgebaut werden, um die Versorgungsstrukturen vor Ort weiterzuentwickeln und die Versorgung auch in Zukunft sicherstellen zu können.

Was soll durch das Projekt konkret erreicht werden?

Ziele des Projektes sind u.a.:

  • Sicherstellung einer wohnortnahen und bedarfsgerechten Versorgung, beispielhaft implementiert in den Regionen Aachen und Münster
  • Optimierung der Antibiotikaverordnungen und Förderung einer leitliniengerechten Therapie
  • Unterstützung der sektorübergreifenden Zusammenarbeit und des kollegialen Austausches
  • Steigerung der Lebensqualität der Patienten/-innen
  • Erhöhung der Qualität der Versorgung
  • Reduktion der Sepsis-Sterblichkeit
  • Reduktion der Gesamtkosten der Behandlung
  • Weiterentwicklung von regionalen Versorgungsstrukturen
  • Prüfung der Akzeptanz der eingesetzten Technologien bei den Ärzten/-innen und Pflegekräften sowie Patienten/-innen

Inwiefern diese angestrebten Ziele tatsächlich erreicht werden, wird durch die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation seitens der Universität Bielefeld und des ZTG Zentrums für Telematik und Telemedizin überprüft. Die Ergebnisse werden nach Projektabschluss der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, um insbesondere auch andere ähnliche (telemedizinische) Projekte zu unterstützen.

Grundsätzlich wird angestrebt, dass bei erfolgreichem Projektverlauf entsprechende digital bzw. telemedizinisch gestützte Netzwerke auch in weiteren Regionen und in weiteren medizinischen Fachdisziplinen aufgebaut werden, um die Versorgungsstrukturen vor Ort weiterzuentwickeln und die Versorgung auch in Zukunft sicherstellen zu können.

Wie funktioniert TELnet@NRW konkret?

Die Gesundheitsversorgung insbesondere von komplexen Erkrankungen wie etwa schweren Infektionen oder einer Sepsis (Blutvergiftung) erfordert häufig, dass sowohl Gesundheitsfachkräfte aus dem ambulanten als auch aus dem stationären Sektor zusammenarbeiten. Bei TELnet@NRW werden insgesamt 19 Krankenhäuser aus den Regionen Aachen und Münster, die beiden Arztnetze GKS Köln-Süd sowie MuM aus Bünde und die beiden Universitätskliniken Aachen und Münster digital miteinander vernetzt und so zu einem intersektoralen Gesundheitsnetzwerk transformiert.

Die beiden Anwendungsbereiche sind die Intensivmedizin und die Infektiologie. Durch regelmäßige Expertenchats und „TeleVisiten“, d.h. Gespräche über gesicherte Audio-Videokonferenzsysteme, zwischen den Universitätskliniken und den jeweiligen Krankenhäusern und auch Arztpraxen besteht die Möglichkeit, dass sich die ärztlichen Kollegen/-innen untereinander zu medizinischen Fällen austauschen, ohne dass sie sich alle am gleichen Ort befinden. Es handelt sich also um ein virtuelles Netzwerk. Die beiden Universitätskliniken stellen den teilnehmenden (kleineren) Krankenhäusern ihr Expertenwissen, bei Bedarf rund um die Uhr, zur Verfügung, um gemeinsam die bestmögliche Behandlung für jede/n Patientin/en heraus zu arbeiten. Dafür halten sowohl die Unikliniken als auch die Krankenhäuser sog. mobile Visitenwagen bereit, welche je nach Bedarf zum jeweiligen Patientenbett gefahren werden können und einen Bildschirm für eine hochauflösende Audio-Videokonferenz-Schaltung zwischen Uniklinik und Krankenhaus bereithalten. Dadurch erhalten die ärztlichen Kollegen/-innen der anderen Einrichtung die Möglichkeit, sich ein konkretes Bild vom Erkrankten zu machen und ggf. auch mit dieser/m direkt zu sprechen. Sie können sich weiterhin mit den ärztlichen Kollegen über Bild und Ton besprechen.

Die Universitätskliniken verfügen über langjährige Erfahrungen in der Behandlung etwa von Sepsis-Patienten/-innen und speziell weitergebildeten Fachwissen, welches sie den anderen Projektteilnehmern entsprechend zur Verfügung stellen. Gleichzeitig geben jedoch auch die niedergelassenen Ärzte/-innen und teilnehmenden Krankenhäuser ihr Wissen weiter und erläutern ihr Vorgehen bei den entsprechenden Fällen – es besteht hier also keine Hierarchie zwischen Unikliniken und Krankenhäusern/Arztnetzen. Vielmehr geht es um einen gemeinsamen und interdisziplinären Austausch.

Regelmäßige Fortbildungen zur leitliniengerechten Behandlung bzw. zur effektiven Implementierung von Leitlinien im klinischen bzw. medizinischen Alltag und zu weiteren wichtigen medizinischen Themen im Bereich der Infektiologie und Intensivmedizin stellen eine weitere Grundlage des Projektes dar. Die teilnehmenden Ärzte/-innen bauen dadurch ihre Kompetenzen weiter aus zugunsten einer optimalen Patientenversorgung. Für diese Kommunikations- und Vernetzungsstruktur steht eine hochgesicherte, datenschutzkonforme und hochverschlüsselte technische Infrastruktur und eine gemeinsame Datenaustauschplattform bereit.

Vielfältige Anwendungsmöglichkeiten sind vorstellbar: „Zum Beispiel beim Patienten in der Praxis, der trotz bereits eingeleiteter Behandlung mit Antibiotika einen Infekt einfach nicht loswird. Oder bei der Patientin mit Problemen, die auf einen Aufenthalt auf einer Intensivstation zurückzuführen sind.“ Und weiter „Die Möglichkeit der Telearbeit könnte außerdem einen positiven Effekt für die Personalgewinnung haben“ (Dr. Christian Juhra, vgl. Westfälisches Ärzteblatt (2017), S. 18/19)
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